Kontakt | Impressum

Noch 30 Operationen am letzten Tag


Abschied - Nach 35 Jahren im Alice-Hospital beginnt heute für den Anästhesisten Gernot Schylla (67) der Ruhestand

VON PETRA NEUMANN-PRYSTAJ

"Jeder Mensch braucht seine Portion Stress, um gut zu leben", sagt Gernot Schylla (67), Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin und geschäftsführender Arzt am Alice-Hospital. An Stress hat es dem Krankenhausarzt 35 Jahre lang nie gemangelt - aber er hat ihn nie als Feind betrachtet.

Gestern war Schyllas letzter Arbeitstag; seine offizielle Verabschiedung in den Ruhestand liegt sogar schon ein paar Tage zurück. Doch welchen Schlusspunkt setzt Schylla? Aufmerksam und hellwach blitzen seine Augen über dem grünen Mundschutz. Im grünen Arbeitskittel steht er im Operationssaal, wie seit 35 Jahren. Dreißig OPs stehen an diesem Dienstag auf seinem Programm, beginnend ab 7 Uhr. Er muss doch die Kollegen vom Sonntagsdienst entlasten.

Im Alice-Hospital sind Schyllas selbsterfundene Narkosegeschichten legendär. In den siebziger Jahren, in den Zeiten der Äthernarkose also, erzählte der Vater zweier Kinder seinen kleinen Patienten die skurrile Geschichte von der weißen Tomate und dem roten Spargel aus Griesheim, die ihre Kleider tauschten, um die Farbe wechseln zu können. Das haben sich manche Kinder, die mit dieser Geschichte sanft in die Bewusstlosigkeit abtauchten, gut gemerkt und ihren Müttern weitererzählt.

Die moderne Narkose wird punktgenau gesteuert

Die Narkoseniethoden von damals wirken heute geradezu steinzeitlich. Heute ist es möglich, Schlaf, Schmerzfreiheit, Erinnerungslosigkeit des Patienten und Muskelentspannung individuell zu steuern. Die Medikamente wirken ganz präzise an bestimmten Stellen des Nervensystems. Früher waren die Hand am Puls, das Stethoskop auf der Brust, eventuell noch ein Blutdruckgerät am Arm die üblichen Kontrollmittel. Heute haben moderne Medikamente und die konsequente Überwachung des schlafenden Patienten (Monitoring) die Narkosesicherheit und -qualität so verbessert, dass auch ältere Patienten mit mehreren Krankheiten operiert werden können. Schyllas älteste Patientin war 101 Jahre alt. Fasziniert von seinem Fach, behauptet er gar: "Der sicherste Platz auf dieser Erde ist ein OP-Tisch." Narkoseschäden seien so gut wie auszuschließen, "weil wir heute extrem viel bessere Beatmungsmethoden haben".

Während seiner fünfunddrei-ßigjährigen Tätigkeit am Alice-Hospital wurden 210 000 Narkosen in der Anästhesieabteilung durchgeführt, bei den meisten war er beteiligt. Zu den Patienten zählten 30 000 Kinder bis zu zehn Jahren. Auf Wunsch von Prinzessin Margaret von Hessen und bei Rhein, die das Alice-Hospital stets förderte, wurden dort auch behinderte Kinder kieferchirurgisch behandelt - eine Herausforderung an Geduld und Einfühlungsvermögen des Anästhesisten.

Statistische Zahlen veranschaulichen, was sich während der Schylla-Ära alles verändert hat, 1974 gab es am Alice-Hospital neun Belegärzte, heute sind es über vierzig. Damals wurden 3000 Patienten stationär versorgt, von denen 1500 operiert wurden. Im vorigen Jahr nahm das Krankenhaus 11 000 Patienten stationär auf, und es wurden 6000 Operationen durchgeführt, bei denen Narkosen notwendig waren.

Weiterhin Betriebsarzt und Vertretung

Schylla betrachtet es als Glücksfall, dass er 35 Jahre in derselben Institution arbeiten durfte: "Keine Wechsel, keine Neuanfänge, keine Reibungsverluste durch Hierarchiegerangel." Diese Vorteile seien den Patienten zugute gekommen. Ab 1977 konnte er im Vorstand, später in der Geschäftsleitung, an der Entwicklung des Krankenhauses mitwirken. Weil so viel Glück süchtig macht, wird er dem Alice-Hospital noch eine Weile als Betriebsarzt und als Vertretung erhalten bleiben.

Die langen Arbeitsjahre scheinen bei dem Siebenundsechzigjährigen keine Abnutzungsspuren hinterlassen zu haben. Er ist voller Tatendurst, hat viele Pläne. Um besser mit seinem Enkel in Italien parlieren zu können, will er seine italienischen Sprachkenntnisse aufpolieren, wird viel lesen und sein Golf-Handicap verbessern.

Was ist das Geheimnis seiner Leistungsfähigkeit? "Autogenes Training", kommt die prompte Antwort. "Ich kann jederzeit nach Bedarf schlafen - zehn Minuten bis vier Stunden. Meine innere Uhr stelle ich, wie ich es brauche". Narkosemittel überflüssig.

Seine Kollegen werden ihn vermissen. Sie haben seinen Insider-Spruch "KPD" ("kein Patient da?!) schon umgewandelt in ein wehmütiges "KSD". Kein Schylla (mehr) da.

Gernot Schylla wurde 1942 in Mannheim geboren, wuchs in Nieder-Klingen und Darmstadt auf. Bis zum Abitur besuchte er die Justus-Liebig-Schule. Anschließend studierte er in Mainz Medizin. 1974 kam er als Anästhesist zum Alice-Hospital.

Von 1977 bis 1999 war Schylla als stellvertretender Leitender Arzt Mitglied im Vorstand der Stiftung Alice-Hospital. 1999 wurde er ärztlicher Geschäftsführer. In seine Dienstzeit fällt der Ausbau der Anästhesieabteilung und der Intensivabteilung. Offiziell wurde er am 25. März verabschiedet. Seine Nachfolge in der Anästhesie übernimmt Leonhard von Beck, in der Geschäftsführung der Kardiologe Matthias Zander.

Dr. Jungmann und Dr. Mortazawi Bereit für die nächste OP: Anästhesist Gernot Schylla an seinem letzten Arbeitstag im Alice-Hospital, an dem er das volle OP-Programm mitmachte. Heute beginnt sein Ruhestand.
FOTO: CLAUS volker

Darmstädter Echo vom 1. April 2009