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Lebensretter unterm Schlüsselbein


Kardiologie - Herzpatienten mit implantiertem Defibrillator nehmen zu - und gründen jetzt eine Selbsthilfegruppe

Die Operation dauert etwa eine Stunde, und schon nach zwei bis drei Tagen Krankenhausaufenthalt darf der Herzpatient wieder nach Hause. Mit einem implantierten Gerät unter dem linken Schlüsselbein, das in kritischen Situationen sein Leben retten kann.

Der Fremdkörper, ein Defibrillator (ICD), steht über ein Kabel mit dem Herzen in Verbindung und sendet bei einer Herzrhythmusstörung einen Stromstoß aus. In seiner Funktion ist er vergleichbar mit dem äußeren Defibrillator, den Notärzte bei einem Patienten mit Herzstillstand anwenden. Menschen mit eingepflanztem ICD „sind eine stark wachsende Patientengruppe, die man nicht mehr außer Acht lassen kann", sagt der Darmstädter Herzspezialist Harald Küx vom Kardiologischen Zentrum am Alice-Hospital, das etwa 100 implantierte Patienten in der Nachsorge betreut. Küx begrüßt und fördert die Gründung einer Selbsthilfegruppe für diese Gruppe, weil der hektische Medizinbetrieb kaum Zeit lässt, auf ihre individuellen Ängste und Probleme einzugehen.

In der Regel hilft eine sanfte Stimulation

Vielen ist es unangenehm, künftig von einem Gerät abhängig zu sein, das ihr Herz kontrolliert und seinen Schlag beeinflusst. Sie sind dankbar für ein Forum, in dem sie über ihre Gefühle sprechen können. In der Selbsthilfegruppe sollen auch praktische Fragen besprochen werden. Etwa, ob Diebstahlsicherungen in Kaufhäusern das Gerät beeinflussen können (ja, unter bestimmten Umständen) oder was bei Reisen und Personenkontrollen auf dem Flughafen zu beachten ist.

Wenn die Rhythmusstörung durch mehrfache sanfte Stimulation nicht beendet werden kann, sendet das Gerät einen starken Stromstoß aus. Die Patienten werden darüber aufgeklärt, dass diese Reaktion teilweise schmerzhaft sein kann: wie ein kräftiger Stoß vor die Brust.

Einer von acht, beziehungsweise je nach Studie einer von dreizehn ICD-Patienten, kommt tatsächlich in eine Situation, in der ihm das streichholzschachtelgroße Gerät im Titanmantel das Leben rettet. Für die anderen ist es Versicherung und ständiger Beobachter, sagt Harald Küx. Aber dringend notwendig für jene Patienten, die dank rascher Gegenmaßnahmen vom Plötzlichen Herztod bewahrt werden konnten. Jeder zweite verdankt beim nächsten Vorfall dieser Art dem ICD sein Leben.

Einstellung des Gerätes erfolgt von außen

„Aufgerüstete" Defibrillatoren haben zusätzlich Schrittmacherfunktion. Das heißt: Sie lassen die Herzfrequenz nicht unter einen Wert fallen, den der Arzt festgelegt hat. Der Anteil dieser Geräte an der Gesamtzahl der Defi-Implantationen macht etwa 20 bis 30 Prozent aus. Der Kardiologe kann das Gerät jederzeit von außen einstellen, etwa die Herzfrequenz oder die Reaktion auf Herzrhythmusstörungen, nicht aber die Energieversorgung. Etwa alle fünf Jahre muss das Aggregat daher vollständig bei einer kleinen Operation ausgewechselt werden.

Die meisten Herzpatienten, denen ein Defibrillator eingesetzt wird, sind über fünfzig. Es gibt aber auch Kinder mit angeborener Herzschwäche und junge Transplantationskandidaten, die für den Eingriff in Frage kommen. Junge Frauen mit Herzerkrankungen können mit ICD ohne Bedenken und Gefährdungen eine Schwangerschaft austragen, versichern die Kardiologen. pep

KONTAKTE

Die deutsche Herzstiftung sucht noch Mitarbeiter, die sich in Darmstadt an der Gründung einer Selbsthilfegruppe für Patienten mit implantiertem Defibrillator beteiligen wollen. Anfragen beantwortet Norbert Wiese, ehrenamtlicher Beauftragter des Vereins Deutsche Herzstiftung, unter Telefon (0 61 51) 4 54 79.
Harald Küx mit Defibrilator Mit einem Stromstoß verhindert der implantierbare Defibrillator im Titangehäuse einen Herz-Kreislauf-Stillstand. Er ist so groß wie eine Streichholzschachtel und wird unterhalb des Schlüsselbeins im Bereich des Brustmuskels eingepflanzt, wie der Kardiologe Harald Küx auf unserem Bild demonstriert. Die Elektrode des Defibrillators wird im Herzen verankert und macht seine Bewegungen mit. FOTO: claus Völker

Darmstädter Echo vom 11. März 2009