VON ALBRECHT SCHMIDT
DARMSTADT. Am Fuß der Darmstädter Mathildenhöhe könne man "sitzend, stehend oder liegend Kulinarisches aus unserer Region sowie Kulturelles von Klassik über Pop bis Jazz" im Garten des Alice-Hospitals an der Dieburger Straße genießen, schreiben die Veranstalter. Und was die Broschüre des Hauses zum "Alice Kultur Sommer" verspricht, das halten die von Manfred Fleck organisierten Veranstaltungen. An drei Sonntagen werden im Alice-Park bei freiem Eintritt musikalische und literarische Kostbarkeiten angeboten.
Den Anfang machte am Sonntagvormittag das "Palatina Hornensemble" mit "Hornissimo", einem vergnüglichen Musikprogramm, das ohne stilistische Scheuklappen den Bogen von Bachschem Fugen-Ernst zu schnittigem Broadway-Sound spannte. Zusammen mit Peter Arnold, ihrem Horndozenten an der Staatlichen Musikhochschule Mannheim, präsentieren sich im Palatina Hornensemble junge Künstler aller Studienstufen. Die acht Hornisten sind gleichzeitig Mitglieder der Philharmonie Merck.
Peter Arnold, der bei seinen Auftritten auch als witzig-einfallsreicher Moderator fungiert, ist der
Motor des Ensembles und gibt seinen vorzüglich aufeinander eingespielten Instrumentalisten (darunter Bundespreisträger von "Jugend musiziert" und Kollegen aus Opernorchestern) mit originellen Arrangements den wirkungsvollen Treibstoff. Mit einem süffigen Blues marschiert die "Schicksalsgemeinschaft", wie Arnold in liebevoller Selbstironie seine Hornisten-Truppe bezeichnet, durch den Alice-Garten und swingt sich, dem zur Unzeit einsetzenden Regen trotzend, hinter ihre Notenständer. Um eine "Wassermusik" dennoch zu vermeiden, ist der Umzug ins Restaurant rasch vollzogen.
Hier kommt bei einer Bach-Bearbeitung (BWV 895 aus "Drei kleine Präludien und Fughetten") der weiche, stets geschmeidige Bläserklang des Palatina-Ensembles zu schönster Geltung: Bachs Präludium als romantisches, flächiges Tableau im Notturno-Charakter, die Tonrepetitionen und die kontrapunktische Dichte der transparenten Fuge mit spielfreudiger Beweglichkeit. "Palatina" besitzt das nötige Gespür für's Show-Business: Gartenschläuche, Mundstücke und Trichter müssen als "historische Instrumente" für Rossinis "Le rendez-vous de Chasse" mit schmetternden Jagdsignalen, hurtigen Reiterrhythmen und frappierenden
Echowirkungen herhalten. Tänzerische Beschwingtheit, Stakkato-Präzision und - im dynamisch differenzierten Trio - bayrische Gemütlichkeit durchzieht eine Gavotte von Franz Strauss, Vater von Richard Strauss und Hornist der Münchner Hofkapelle.
Französische Eleganz und Wiener Charme begegnen sich bei frech kobolzenden Polkaklängen von Marin Marias und Anton Wunderer, dem "Johann Strauß des Waldhorns". Durchweg mühelos gelingt dem Ensemble der Spagat zwischen geschickt arrangierter Konzertliteratur (pastose Kantilenen bei Vivaldi, muntere Fanfaren bei Georg Jospeh Vogler, einem Komponisten der frühklassischen Mannheimer Schule), gefühlvoller Volkstümlichkeit (Naturklänge bei Friedrich Sucher) und gefälligem Schmuse-Sound (Richard Rodgers' "Blue Moon").
"My Way", unterlegt mit wogenden Begleitfiguren, und ein Huldigungsmarsch an das Staufen-Festival (Schwarzwälder Horntage) waren abschließend nochmals Tummelplätze für zündende instrumentale Pirouetten und markierten das Finale einer eindrucksvollen Begegnung mit einem sympathischen, künstlerisch hochqualifizierten Ensemble, das keinerlei Schwierigkeiten hat, verschiedene Genres geistvoll zu vernetzen.