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Elektropulse steuern den Schließmuskel


Inkontinenz - Darmstädter Proktologen machen gute Erfahrungen mit Schrittmacher-Implantat für verzweifelte Fälle

Kontinent sein - das heißt Darm und Blase zu kontrollieren, auf der Toilette zu entleeren, so dass nichts in die Hose geht - zählt mit zu den wichtigsten Dingen, die der Mensch als erstes lernt. Danach ist Kontinenz kein Thema mehr, so lange die Kontrolle funktioniert. Wird aber Mann oder Frau inkontinent, so geht viel an Lebensqualität verloren. Und zwar schon, sobald es sich "nur" um eine hyperaktive Blase handelt.

"Es gibt Menschen, die kennen in der Stadt jede öffentlich zugängliche Toilette," sagt der Proktologe Ralf Fritsche, der im ambulanten OP-Zentrum am Darmstädter Alice-Hospital tätig ist. "Und Patienten mit einem Inkontinenz-Problem werden extrem nervös, wenn sie eine Kaufhaustoilette ansteuern und diese besetzt finden." War vorher das Bedürfnis-Empfinden noch eher vorbeugend, so wird es jetzt zum akuten Problem. "Das kann dazu führen, dass Menschen ihre Wohnung nicht mehr verlassen, weil jeglicher Ausflug mit dem leidigen Toilettenstress verbunden ist." Zu dem Zwang, Zeit und Überlegungen in die ständige Erreichbarkeit einer Toilette investieren zu müssen, kommt die individuell empfundene "Peinlichkeit" des Themas - und das nicht nur in der Öffentlichkeit. "Drei Herzinfarkte, Stents, darüber lässt sich unter Managern durchaus reden - nicht mehr ganz dicht zu sein traut sich aber keiner zuzugeben. Oft wird dieses Thema unter Partnern tabuisiert, es kann zur völligen Isolierung im sexuellen Bereich führen", sagt Thomas Stroh, ebenfalls Facharzt für Proktologie und Partner in der Chirurgischen Gemeinschaftspraxis.

Den winzigen Schrittmacher und die beiden feinen Elektroden, die elektrische Impulse an den Sakralnerv senden und so die Schließmuskelfunktion kontrollieren, zeigt der Darmstädter Proktologe Ralf Fritsche. Er und Kollege Thomas Stroh (links) haben 15 dieser Geräte mit Erfolg implantiert und damit Patienten mit schwerer Stuhlinkontinenz geholfen. Foto: Heinz Hefele

Es gibt viele medizinische Komplikationen, die zur Inkontinenz führen können. Die wohl am meisten verbreitete ist die speziell weibliche Form, nämlich als Spätfolge einer Geburt. Verletzungen am Afterschließmuskel bei der Geburt, gleich ob der Muskel nun genäht werden musste oder nicht, können zusammen mit der fortschreitenden Muskelerschlaffung im Alter dazu führen, dass Frauen inkontinent werden und dass sie ständig eine Vorlage tragen müssen, wie ein Baby die Windel. Zur Behebung verschiedener Schließmuskel-Defekte gibt es eine Reihe operativer Maßnahmen, wie die Analplastik (Verschieben empfindsamer Hautteile) und die Schließmuskel-Rekonstruktion, auch künstliche Schließmuskel, die hydraulisch über eine Ballonpumpe bedient werden.

In manchen Fällen hilft auch ein implantierbarer Neurostimulator, der durch feinste elektrische Impulse den Sakralnerv reizt, der den Schließmuskel des Darms steuert, so dass der Ausgang dicht bleibt, bis man den Schrittmacher kurzzeitig ausschaltet, um den Darm zu entleeren. Das OP-Zentrum am Alicehospital bietet diese in den neunziger Jahren in den USA entwickelte Methode seit vergangenem Jahr an. Bei etwa 15 Patienten haben Fritsche und Stroh einen Neurostimulator erfolgreich implantiert. Dabei haben sie die Erfahrung gemacht, dass mit dem Neurostimulator auch vor allem Frauen geholfen wird, die aus verschiedenen Gründen das umgekehrte Problem, nämlichen keinen regelmäßigen Stuhlgang haben - man sprich von chronischer Obstipation. "Auch ein Thema, über das kaum jemand freiwillig redet. Wir sind oft erstaunt, dass Patienten erleichtert reagieren, wenn wir fragen, ob das regelmäßig funktioniert und ohne Abführmittel oder Nachhilfe mit einem Finger."

Ob der Schrittmacher über die elektrische Stimulation des Sakralnervs hilft, wird vor einer Implantation in einer zweiwöchigen Probephase ausgetestet. Entweder mit zwei temporären Elektroden - oder es werden unter örtlicher Betäubung zwei permanente Elektroden gesetzt, extrem dünne Drähte mit feinen Anker-Zähnchen. Ein Impulsgeber-Testmodell wird am Gürtel getragen, und erst nach Erfolg durch einen implantierten Schrittmacher (Bild oben) ersetzt. Dessen Batterie soll etwa acht bis zehn Jahre halten, möglicherweise werden aber in diesem Zeitraum auch neue Geräte herauskommen, deren Akku extern (induktiv) nachgeladen werden kann.

Auf unsere Frage, ob der Schließmuskel-Schrittmacher nicht auch die Patentlösung für inkontinente Dauerpflegefälle sein könne, winkt Fritsche ab: "Das ist auch eine Kostenfrage. " Für das Pflegepersonal sei es möglicherweise einfacher, etwa bei Komapatienten die Ausscheidungen über einen Kolostomiebeutel am künstlichen Darmausgang zu entsorgen, als einen apathischen Patienten auf einer Bettpfanne zu fixieren und dann den Neurostimulator abzuschalten. Man sehe in der Schrittmacherimplantation keineswegs die Universal-Lösung: "Vor einer Operation stellen wir auf jeden Fall sicher, dass alle konservativen Mittel, wie Beckenbodengymnastik und autogenes Training, restlos ausgeschöpft sind. "

Die Positionierung der Elektroden zur Stimulierung des Anal-Schließmuskels zeigt die Grafik; der Schrittmacher wird im Hüftbereich implantiert. Foto: Medtronic

Darmstädter Echo vom 31. März 2010