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Fleißig gebaut wird auch im Jubiläumsjahr


Vor 125 Jahren wurde die Darmstädter Stiftung Alice-Hospital gegründet. Noch 2008 beginnen die Arbeiten für eine Krankenpflegeschule.

h.r. DARMSTADT. Alice, Großherzogin von Hessen und bei Rhein (1843 bis 1878), ist eine modern denkende Frau gewesen. Die zweite Tochter der englischen Queen Victoria entwickelte nach ihrer Heirat mit dem Darmstädter Thronfolger Ludwig IV. ein vollkommen neuartiges Konzept konventioneller Krankenpflege. Im Jahr 1873 entstand im achteckigen Haus, in dem heute der Konzertchor Darmstadt und die Residenzfestspiele ihren Sitz haben, eine Pflegestation des "Alice-Schwesternvereins".

Dieses "Mauerspitälchen" funktioniert wie ein Ärzte- oder Belegkrankenhaus, auch wenn diese Begriffe damals noch nicht erfunden waren. Das von Alice eingeführte Prinzip hat sich über die Jahrzehnte ebenso bewährt wie die von der Großherzogin gegründete Stiftung. De-ren Verfassung ist, wie der kaufmännische Geschäftsführer des Alice-Hospitals, Richard Röhrig, es formuliert, nach wie vor ein "sehr sensibles Instrument", das "schlanke Entscheidungsstrukturen" erlaube. Außerdem sei die Stiftung ein "nicht unerhebliches Pfand für unsere Unabhängigkeit", mache sie das Hospital doch resistent gegen Übernahmen.

Anlass, sich über die Großherzogin und ihre noch bis heute spannenden sozialpolitischen Ideen Gedanken zu machen, gibt Röhrig die Stiftungsgründung vor 125 Jahren. Dieses Datum begeht das Alice-Hospital am 19. April mit einem Tag der offenen Tür unter dem Motto "AliceGute - Medizin zum Anfassen" und einem Festakt am 8. Dezember im Wissenschafts- und Kongresszentrum. Zwischen diesen beiden Terminen liegen zahlreiche weitere Jubiläumsveranstaltungen (www.alice-hospital.de).

Röhrig hat bei der Vorstellung des Jubiläumsprogramms darauf verzichtet, die gesamte Zeitspanne von der Eröffnung des Spitälchens, aus dem 1883 das Alice-Hospital am heutigen Standort Dieburger Straße hervorging, bis zu den aktuellen Bauvorhaben Revue passieren zu lassen. In seinem Rückblick konzentrierte sich der Geschäftsführer allein auf die vergangen 25 Jahre, um die Dynamik der Entwicklung zu veranschaulichen. In diesem Zeitraum ist die Zahl der Belegarzte von 13 auf 37 gewachsen, die der Mitarbeiter von 357 auf 449 und die der Patienten von 6841 auf 11112, während die Zahl der Betten von 161 auf 146 und die Verweildauer von acht auf vier Tage gesunken sind. Im vergangenen Vierteljahrhundert hat das Hospital rund 43 Millionen Euro investiert, darunter 20 Millionen Euro an Fördermitteln, Das Geld floss unter anderem in den Neubau der Kinderkliniken, in die Sanierung des denkmalgeschützten Baus von 1936 und das Alice-Altenheim. Da ein kleines Haus nicht alles seihst machen kann, hat das Alice-Hospital in den vergangenen 25 Jahren die Kooperation mit anderen Hinrichtungen gesucht, etwa beim Betrieb der Kinderkliniken oder der Apotheke mit dem städtischen Klinikum, und Tochtergesellschaften gegründet, beispielsweise ,Alice-Instruclean" zur Sterilisation medizinischen Geräts. Diese Gesellschaften, deren Mehrheitseigner das Hospital ist, bieten ihre Dienste auch anderen Häusern an.

Eine der neuen Gründungen ist die "Gesundheits- und Pflegeberufe Darmstadt-Groß-Gerau GmbH LG". Deren Träger, das Kreiskrankenhaus Groß-Gerau und das Alice-Hospital, werden gemeinsam die neue Schule für Krankenpflege, Kinderkrankenpflege und Kran-kenpflegehilfe betreiben, mit deren Bau noch in diesem Jahr auf einem Grundstück direkt gegenüber dem Alice-Hospital begonnen werden soll. Zurzeit befindet sich dort ein Supermarkt.

Mauerspitälchen Mauerspitälchen: So hieß die Pflegestation des "Alice-Schwesternvereins".

Auch bei diesem Projekt zeigt Röhrig, dass eine alte Stiftungsverfassung modernen Investorenmodellen nicht im Wege stehen muss. Im Gegenteil: Die Gremien im Alice-Hospital hätten für die Entscheidung zum Bau der Schule zwei Wochen benötigt, das Kreiskrankenhaus Groß-Gerau wegen der komplexen kommunalen Strukturen sieben Monate. "Manchmal", sagt der Alice-Chef, "bedauere ich meine kommunalen Kollegen zutiefst."

Das für zwei Millionen Euro erworbene Grundstück soll in Erbpacht an einen Investor gehen, der dort bis 2010 vier Bauwerke errichten wird: die Krankenpflegeschule mit bis zu 300 Plätzen, ein Ärztehaus, eine 200 Stellplätze große Tiefgarage und im hinteren Teil einen 1200 Quadratmeter großen Lebensmittelmarkt zur Nahversorgung des Martinsviertels. Die Schule, sagt Röhrig, habe für das Alice-Hospital eine "historische, emotionale und strategische Bedeutung". Angestrebt werde eine Kooperation mit dem städtischen Klinikum.

Das andere Bauvorhaben im Jubiläumsjahr betrifft den zweiten Bauabschnitt der Kinderkliniken. Die Arbeiten sollen im Spätsommer beginnen und 18 Monate dauern. Die Investition beläuft sich auf 13 Millionen Euro. Der Neubau entsteht dort, wo 1886 der Vorläufer des heutigen Hospitals gebaut wurde: auf dem Gelände der längst abgerissenen Eleonorenklinik an der Dieburger Straße. Auch bei diesem Projekt begegnet einem somit die Geschichte des Krankenhauses wieder, das als "Haus der Gesundheit" seinen Patienten heute eine ganzheitliche Versorgung bietet von der klassischen Schulmedizin bis zu anerkannten naturheilkundlichen Methoden.

Ein Bruch der Kontinuität ließ sich jedoch nicht vermeiden: Den Vorsitz im Stiftungsvorstand hatte stets ein weibliches Mitglied der großherzoglichen Familie inne, zuletzt Prinzessin Margaret von Hessen und bei Rhein. Mit ihrem Tod 1997 ist diese Tradition mangels Nachfolgerin erloschen.

Der Tag der offenen Tür am Samstag, 19. April, beginnt um 10 Uhr und geht bis 17 Uhr Neben Führungen bietet das Programm zahlreiche Fachvorträge und eine Ausstellung zur Geschichte des Alice-Hospitals.


Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28. März 2008