Presse

17-02-2020

»Dialyse und Organspende bleiben große Herausforderungen«

Derzeit brauchen etwa 80.000 Patienten in Deutschland einen Platz an der künstlichen Niere. Für die Versorgung der Menschen in Darmstadt und Umgebung gibt es seit 1995 das „Alicepark Dialyse Centrum“.

Herr Dr. Zieschang, Sie arbeiten als Nephrologe am „Alicepark Dialyse Centrum“. Was ist das Besondere an der Praxis?

Dr. Zieschang: Bei uns finden die Patienten alles unter einem Dach. Wir bieten sämtliche Dialyseverfahren an und betreuen die Patienten von Anfang an, über die Prädialyse bis nach einer Transplantation. Außerdem werden in der angeschlossenen Praxis Nieren-, Bluthochdruck- und Stoffwechselerkrankungen behandelt. Zurzeit betreuen wir bei uns ca. 100 Dialyse-Patienten und 30 transplantierte Menschen.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Zusammen mit meinen Kollegen Karlhans Baumgartl und Stephan Kaspar sind wir ziemlich stolz darauf, dass wir sechs Patienten haben transplantieren lassen, bevor sie an die Dialyse kamen. Wenn man das zeitlich hinbekommt, ist es für die Patienten das Schönste.

Wie lange standen sie auf der Warteliste?

Gar nicht. Auf die Warteliste kommen sie in Deutschland erst mit dem ersten Tag der Dialyse.

Wie war es dann möglich?

Das waren Lebendspenden von Familienangehörigen. Wenn die Verträglichkeit stimmt, kann man den optimalen Zeitpunkt abpassen, an dem der Empfänger gesund ist und das Organ gut annimmt.

Für die Menschen, die eine Nieren-Ersatztherapie brauchen, führen Sie die hochmoderne Blutreinigung Hämodiafiltration standardmäßig durch?

Ja, das ist besonders, das hat fast keiner mehr - aus Kostengründen. Es wird bei den meisten Dialysen weggespart.

Welchen Vorteil hat diese Methode?

Von dieser Kombimethode erhofft man sich mehr Kreislauf-Stabilität. Und man kann größere Moleküle rausholen als bei der normalen Dialyse. Etwa Giftstoffe, die sonst den Körper schädigen.

Zusätzlich gewährleisten Sie die Bauchfelldialyse. Dabei dient das Bauchfell als biologischer Filter?

Ja, Sie brauchen aber eine Restfunktion der Niere. Dabei pflanzt man einen Katheter in den Bauch ein. Die Patienten können sich mehrmals am Tag selbst einen Beutel Flüssigkeit einlaufen lassen und kommen bei uns nur alle vier Wochen vorbei.

Das spart Zeit und Aufwand?

Ja, und die Patienten sind eigenverantwortlich beteiligt. Wir machen das gerne bei den Jüngeren. Leider ist das Bauchfell meistens nach fünf bis sechs Jahren erschöpft. Früher hat es zeitlich bis zur Transplantation der neuen Niere gereicht, die dann etwa zehn bis 15 Jahre hielt. Zum Schluss kam dann erst die Hämodialyse zum Einsatz. Das funktioniert heute bei den langen Wartezeiten nicht mehr.

Wie lange wartet man auf eine Niere?

Die mittlere Zeit liegt bei über acht Jahren.

Das ist eine irre lange Zeit…

Ja, einfach Wahnsinn. Was ich zudem für ein richtiges ethisches Problem halte, ist auch die Organverteilung. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, kommt jeder, der will, auf die Warteliste. Der 30-jährige, arbeitende und sonst gesunde Patient hat somit die gleiche Chance wie jemand, der 58 ist, permanent bettlägerig ist und viele Nebenerkrankungen hat. Wo man weiß, die Niere, die er bekommt, wird ihn vermutlich überleben.

Die Überlebenschance eines Organs spielt überhaupt keine Rolle. Wenn man eine Mangelverwaltung hat, möchte man meinen, dass man die Organe möglichst so einsetzt, dass sie lange halten. Das ist so aber nicht.

Gibt es für ältere Menschen noch andere Wege?

Es gibt noch ein extra Programm, „Old for Old“. Wenn Sie 60 oder älter sind, können Sie eine Niere bekommen, die nicht mehr ganz so jung ist, aber dafür beträgt die Wartezeit nur zwei bis drei Jahre.

Wie haltbar ist diese dann?

Meistens hält diese ältere Niere dann fünf bis zehn Jahre. Eine jüngere hält zehn bis 15 Jahre. Es gibt Patienten, bei denen sie mehr als 20 Jahre durchhält.

Was könnte man tun, um die Spendenbereitschaft zu erhöhen?

Ich halte die bei uns geltende Zustimmungslösung für ein Unglück. In anderen Ländern gilt: Wer nicht Nein sagt, ist automatisch Organspender.

Wenn man keinen Organspendeausweis hat, müssen die Angehörigen entscheiden?

Ja, oft trauen sich die Angehörigen aber nicht, diese Entscheidung zu treffen. Ich war früher Transplantationsbeauftragter im Klinikum Darmstadt. Es war immer schwierig, Menschen in einem Moment anzusprechen, in dem sie mit Verlust und Trauer beschäftigt sind, und sie um Organe zu bitten.

Aber so könnte ein Teil des geliebten Menschen in jemand anderem weiterleben…

So hat man auch versucht, die Leute anzusprechen. Das war aber den Betroffenen in dem Moment oft zu viel und sie haben Nein gesagt. Mit mehr Abstand hätten sie darüber eventuell anders gedacht.

Haben die Menschen auch Angst, dass der Hirntod nicht richtig festgestellt werden kann oder dass es Mauscheleien gibt?

Die Regeln sind sehr streng und werden immer wieder überprüft. Es müssen zwei Ärzte unabhängig voneinander im Abstand von 24 Stunden den Hirntod bescheinigen - nach genau festgelegten Kriterien.

Und: Jemand, der mit der Transplantation zu tun hat, darf keine Hirntodfeststellung machen. Mauscheleien kriegt man also gar nicht hin.

Müsste man das Thema mehr publik machen?

Ich bin seit 1990 Nephrologe und habe viele Diskussionen miterlebt. Jedes Mal, wenn das Thema breiter in der Öffentlichkeit diskutiert wurde, ist die Spenderzahl danach dramatisch zurückgegangen.

Im Ernst?

Ja, jedes Mal. Am besten hat es mit der Organspende geklappt, wenn nicht so viel drüber geredet worden ist. Die meisten Leute wollen damit in ihrem normalen Leben nichts zu tun haben. Deshalb bin ich für die Widerspruchslösung.

Reicht das aus?

Wir brauchen parallel auch eine Stärkung der Infrastruktur. Größere Krankenhäuser haben alle einen Transplantationsbeauftragten. Wenn eine Organentnahme anstand, war ich damals 36 Stunden freigestellt und habe nichts Anderes gemacht. Diese Freiräume müssen geschaffen werden.

Es braucht also vor allem personelle Ressourcen?

Ja, oft gehen Organe durch fehlende Akzeptanz in den Krankenhäusern verloren. Oft muss man das Personal erst mühsam überzeugen, dass sich der Aufwand lohnt. Etwa den Patienten 24 Stunden an der Maschine halten, die Todesfeststellung durchführen, die Organentnahme organisieren. Es muss Leute geben, die Zeit haben, sich darum zu kümmern. Deshalb muss es mit mehr Geld verknüpft sein. Nicht um einen Gewinn zu machen, aber damit es für die Häuser plus-minus Null ausgeht.

Herr Dr. Zieschang, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Evelyn Bongiorno.

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